Objekte des Monats

August 2019

Getarnter Toilettenstuhl

So alt wie die Menschheit ist das tägliche Bedürfnis, das schon lange nicht mehr nur in der freien Natur verrichtet wird. Diese täglichen Bedürfnisse mussten von den allermeisten Leuten bis nach dem zweiten Weltkrieg auf einem Plumpsklo auf der Laube vor dem Eingang zur Wohnung oder in einem Nebengebäude vor dem Haus verrichtet werden. Der Nachttopf bewahrte den Bedürftigen aber davor, im Winter oder des Nachts draussen im kalten und finsteren Klohäuschen sich und seinen Hintern der Kälte auszusetzen.

 

Zu dieser Zeit existierte jedoch bereits ein Toilettenstuhl, auch Nachtstuhl und früher Leibstuhl genannt, der vor allem von älteren und gebrechlichen Leuten benutzt wurde. Er bestand aus einer einfachen Sitzgelegenheit mit Armlehnen als Sicherung und einer Öffnung in der Sitzfläche. Unter dieser Öffnung enthielt der Stuhl einen Blech- oder Steingut-Topf, welcher die Fäkalien und den Urin auffing und mit einem Deckel verschlossen werden konnte. Während des komfortablen Sitzens in sicherer Position entfiel das umständliche Kauern über dem Nachthafen. Und der Stuhlgang und das Urinieren wurden so diskret in den eigenen warmen Räumen ermöglicht.

 

Unser Luxusobjekt ist ein solcher Toilettenstuhl und wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts benutzt. Das Luxeriöse daran ist die geschickte Tarnung in einer Kommode, die mit einem Mechanismus für ihren Verwendungszweck geöffnet werden kann. Eine komfortable und sichere Benutzung ist gewährleistet. Das gefüllte Geschirr kann an seinem relativ dichten Ort belassen werden, bis eine diskrete Leerung des zugedeckten Nachthafens möglich ist.

 

Heute dürfen wir unsere Bedürfnisse in beheizten, belüfteten Räumen und spülbaren Toilettenschüsseln verrichten. Das ist für den grössten Teil der Erdbevölkerung noch nicht möglich!

Juli 2019

Geldbeutel mit Scherenverschluss: links geschlossen, rechts geöffnet.

Mit der Erfindung des Geldes als handliches, unverderbliches und wertstabiles Tauschmittel wurde schon lange vor uns für die Gesellschaft ein dauerhaftes System geschaffen. Das Geld wurde zu einem Gegenstand des alltäglichen Handelns. Und zu den Dingen, die uns ständig umgeben, entwickeln wir eine persönliche Beziehung. Zu allen Zeiten schon bewahrten Menschen deshalb ihr Geld in individuell gestalteten Börsen, Beuteln und Portemonnaies auf und konnten und können es so gut mit sich führen.

 

Zu einem herausragenden und relativ unauffälligen Geldbehälter gehört sicher dieser Geldbeutel aus feinem Kettengeflecht mit verlöteten Ringen. Obwohl man ein relativ transparentes Geflecht zu sehen meint, bleibt der Inhalt gut verborgen. Auch bleibt einem der Verschluss des Beutels lange rätselhaft und man zweifelt daran, dass auch die alten grossen Fünfliber in diesem Beutel Platz fanden. Notengeld müsste dann wohl ganz klein zusammengefaltet hineingestopft und bei Gebrauch wieder mühsam herausgeklaubt werden? Von wegen! Der Verschluss bedient sich eines seit Jahrhunderten bekannten Systems, nämlich der sogenannten Nürnberger Schere. Mit diesen aus vernieteten Rippen gebildeten Scheren kann das Beutelchen weit und übersichtlich geöffnet werden. Noten und Kleingeld können entnommen und anschliessend wieder sicher verschlossen werden. Sogar andere kleine Objekte können darin aufbewahrt und sicher mitgetragen werden.

 

Dieser Geldbeutel konnte auch mittels einer Öse an einer Uhrenkette gesichert in einer Handtasche oder am Gewand befestigt werden ... was ja durchaus der Mode Mitte des 19. Jahrhunderts entsprach. Und etwa aus dieser Zeit stammt auch dieser Geldbeutel.

Juni 2019

Bettflasche mit Schoppenwärmer
Bettflasche mit Schoppenwärmer

Luxus bezeichnet nicht nur eine Lebensart, sondern auch Objekte des täglichen Lebens, welche über das übliche Mass hinausgehen, was sich normale Mitmenschen leisten oder leisten können.

 

Dazu gehört sicher auch diese sehr spezielle Bettflasche in der Ronmühle, die neben der gebräuchlichen Funktion auch zwei sogenannte Ludel-Löcher aufweist. Ein uralter Begriff, der im 19. Jahrhundert noch verwendet wurde und heute weitgehend verschwunden ist. Die Ludel ist ein Glasfläschchen mit einem Schraubverschluss zum Ernähren der Säuglinge. Der darauf geschraubte Metallsauger bestand aus Zinn, vornehme Leute hatten Silbersauger, ganz arme Kinder hingegen mussten sich mit einem Läppchen zum Saugen begnügen. Erst viel später, nach 1870, ersetzten die ersten Gummisauger aus Amerika diejenigen aus Metall.

 

Unsere Zinn-Bettflasche besitzt übrigens auf der Standfläche eine Herstellermarke von Johann Jakob Schneck (1797-1858) in Basel, auch Schnegg geschrieben. Neben seinen bekannten Zinnwaren goss er auch Kirchenglocken.

 

Am Abend, wenn man zu Bett ging, wurde die Bettflasche in der Küche mit heissem Wasser gefüllt und das Bett damit wie mit einem Bügeleisen vorgewärmt. Danach musste die heisse Bettflasche mit Tüchern umwickelt werden, um sich nicht daran zu verbrennen. Sofort schlüpfte man zusammen mit der Bettflasche ins vorgewärmte Bett und ergab sich einem sanften Schlaf. Wenn nun eines der Kleinkinder hungrig erwachte, konnte die ebenfalls erwachte Mutter sogleich die Tücher von ihrer Bettflasche entfernen und im Ludel-Loch den Schoppen wärmen. Unsere Zinn-Bettflasche besitzt sogar zwei Vertiefungen, um Zwillinge gleichzeitig mit warmer Milch zu versorgen. Zehn Minuten später durften alle zufrieden weiterschlafen. 

Mai 2019

Glacemaschine von 1891
Glacemaschine von 1891

Ein spezielles Ding ist diese amerikanische Glacemaschine in der Küche der Ronmühle. Das  ist ein "Cream Freezer Shepard's Lightning" von 1891. Modernere Varianten davon gab es bis in die späten 1950er Jahre. Eine erste Eismaschine liess sich 1843 die amerikanische Hausfrau Nancy Johnson patentieren. 1851 kam der Milchhändler Jacob Fussell in Baltimore auf die Idee, überschüssigen Rahm als Speiseeis zu verarbeiten. Er gründete die erste Fabrik für Speiseeis in Seven Valleys, Pennsylvania. Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch in der Schweiz diese amerikanischen Maschinen verwendet, erst in bessergestellten Privatküchen, später mit grösseren Modellen auch in Käsereien.

 

In einem robusten Holzeimer steht ein vernickelter Kühlkübel aus Metall, oben drauf sitzt ein Getriebe mit einer Kurbel. Damit kann manuell das Rührwerk im Inneren des Blechbehälters angetrieben werden. 

 

Man füllte eine Mischung aus Eiern, Milch, Rahm, Zucker und Früchten in den verschliessbaren Kühlkessel mit seinem mechanischen Rührwerk, stellte diesen dann in den Holzeimer und füllte diesen mit Natureis und Salz auf. Mit dem beigegebenen Salz setzte man den Taupunkt des Eises herab und somit auch die Temperatur. Nun musste etwa eine halbe Stunde fleissig an der Kurbel gedreht werden. Die Kälte liess die Mischung im Inneren des Kübels gefrieren. Durch das Rühren blieb das Speiseeis geschmeidig und schmeckte sicherlich nicht nur den Kindern gut. 

 

Eisplatten wurden im Winter aus zugefrorenen Weihern gesägt und in den Eiskellern der Brauereien aufbewahrt. Zusammen mit dem Bier wurden diese Platten nach Hause geliefert und dort im Kühlschrank aus Holz in einer Blechwanne aufbewahrt. Der Familienvater musste dann sein Bier wohl etwas schneller trinken, wenn sein "Bier"-Eis für Glace gebraucht wurde!